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Freitag, 29. Juli 2011
Eines Tages wollte ein Jemand eine Reise tun. Dann merkte er jedoch, dass er nicht gerne Sachen tut, sondern viel lieber unternimmt. Das klingt nämlich viel feiner und gehobener. So verließ er das Haus und stellte fest, dass es regnete. Er wurde nass und verlor seine Reiselust. Also ging er zurück in seine Wohnung und beschloss, stattdessen mit dem Schreiben anzufangen. Er war schließlich ein spontanes Kerlchen und das konnte sich nur positiv auf seine Texte auswirken.
Und das tat es auch. Was ihm an Fachbegriffen fehlte, machte er mit Randnotizen, Abschweifungen und Einschüben wieder wett, die den Leser überraschten, in die Irre leiteten und dennoch an seine Texte fesselten. Er heimste einiges an Lob ein und freute sich darüber.
Leider ist Freude immer so eine Sache. Sie kann nämlich schnell in Einbildung umschwenken. Und das geschah auch bei unserem Jemand. Das bedeutete nicht, dass er von nun an mit einem so erhobenem Haupt durch die Straßen lief, dass er bei aufkommenden Regenschauern vor dem Ertrinken gerettet werden musste. Er nahm nur das Schreiben zu ernst.
Hauptgrund dafür war das Abenteuer, auf das er sich eingelassen hatte. Er wollte ein Buch schreiben. Einen langen Text. Den längsten seines Lebens. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, legte beide Arme mittig darauf und begann zu schwimmen. Wie ein Brustschwimmer ließ er seine Arme durch den Müll auf seinem Tisch gleiten und schaffte es so innerhalb von Sekunden, für eine saubere Arbeitsumgebung zu sorgen. Zufrieden stand er auf, um sich sein Werk zu betrachten, musste daraufhin jedoch feststellen, dass er seinen Schreibtischstuhl in dem Chaos verloren hatte. Also fuhr er in die Stadt und kaufte sich einen Neuen.
Dann ging es los. Der Jemand begann zu planen. Er plante den Anfang und das Ende des Buches. Dann den Mittelteil. Dann den genauen Weg, der die drei Streckenpunkte miteinander verband. Er programmierte seinen Kugelschreiber wie ein Navigationssystem und ließ sich nun von diesem durch seine frisch erschaffene Welt leiten. Er kam nie vom Weg ab und landete am Ende eine Punktlandung. Das Buch war ein voller Erfolg.
Zwischen Planung und Veröffentlichung verstrichen etwa drei Jahre. In dieser Zeit wandte er seine Buchherangehensweise auch auf seine Kurztexte an. Er sammelte tagelang Ideen und setzte sie erst dann um, wenn er seinen Text bis zum Ende durchgeplant hatte. Am Ende musste er seine Text nur noch aus seinen Notizen abschreiben.
So zogen Monate ins Land und alles war gut. Unser Jemand hatte ein Buch veröffentlicht, bekam viele positive Rückmeldungen und schrieb fleißig weiter seine Kurztexte. Eines Tages geschah es dann: Er saß an einem Spielplatz und beobachtete zwei kleine Kinder, die sich gegenseitig mit dem Kot aus ihren Windeln bewarfen. Das taten sie so lange, bis ihre Eltern erschienen und sie anschrien. Daraufhin bewarfen sie ihre Eltern mit Kot. Das brachte den Jemand auf eine Idee. Er wollte ein zweites Buch schreiben.
Gesagt, getan. Erneut schwamm er über seinen Schreibtisch, fand dabei seinen ersten Schreibtischstuhl wieder und verkaufte daraufhin seinen zweiten über das Internet an eine Hummerfabrik. Dann ging es los: Er zog Stift und Papier hervor und begann zu planen. Er hatte nach wenigen Stunden die ersten Kapitel fertig und wollte diese nun erst einmal umsetzen. Er nahm sich seine Notizen für das erste Kapitel und schrieb sie ab.
Einen Monat später war er verzweifelt. Er hatte seinen Text nun schon zum vierten Mal neu begonnen. Irgendetwas war geschehen. Das Schlimmste, was ihm hätte passieren können: Das Schreiben machte ihm keinen Spaß mehr. Er fand es langweilig. Er überflog die zuletzt geschriebenen Zeilen und begann zu gähnen. Was war los? Er wusste es nicht. Von der Buchidee war er begeistert. Er liebte die Charaktere und die Geschichte (auch wenn sie bisher nichts mit Kinderkot zu tun hatten). Aber die Umsetzung machte ihm keinen Spaß mehr. Der Jemand konnte einfach nicht erkennen, wo das Problem lag. Er war verzweifelt, erhob sich vom Schreibtisch und verließ das Arbeitszimmer, um sich im Wohnzimmer mit Hilfe einer Horde Spielekonsolen abzulenken. Das Einzige was er im Arbeitszimmer zurückließ waren seine Notizen und ein Frustfurz.
So ging es tagelang weiter. Die Zeit zog durch das Land und Unzufriedenheit breitete sich immer weiter aus. Der Jemand wusste nicht mehr weiter. Er vermutete, dass sich irgendwo in seiner Wohnung eine Schreibblockade häuslich niedergelassen hatte, doch er konnte sie einfach nicht finden. Er war kurz davor, aufzugeben. Er hatte keine Motivation mehr.
Dann geschah es. Eines Nachts erreichte ihn die Nachricht seines besten Freundes. Dieser teilte ihm mit, dass er gerade am heulen war. Vor Lachen. Der Jemand fragte warum und die Antwort überraschte ihn: „Wegen einem deiner Texte.“ Natürlich freute dies den Jemand und er wollte mehr erfahren. „Welchen Text liest du denn gerade?“, fragte er. „Oh, einen ganz alten. Erinnerst du dich noch an unseren Zeltausflug vor neun Jahren? Da hattest du einen drüber Text geschrieben. Und verdammt ist der gut.“
Der Jemand erinnerte sich an den Text. Er wusste noch, dass er sehr lange daran gesessen hatte. In diesem Moment schickte ihm sein Freund ein paar Zitate daraus. Und der Jemand musste ebenfalls lachen. Daraufhin öffnete er den Text auf seinem Computer und las ihn sich ebenfalls durch. Zunächst fand er alleine in den ersten beiden Absätzen mehr Rechtschreib- und Grammatikfehler als Wurstrückstände in seinem Magen. Doch dann realisierte er, dass dieser Umstand vollkommen egal war. Der Text war wirklich verdammt lustig. Er konnte sich selbst nicht mehr an all die Details erinnern und war überrascht, was er alles in diesen einen Zeltbericht gepackt hatte.
Der Jemand begann zu grinsen. Doch dann verließ ihn die Freude auch schon wieder. Er erinnerte sich plötzlich daran, wie viel Spaß ihm das Schreiben dieses Textes gemacht hatte. Und dann fiel ihm ein, dass er früher auch bei seinen anderen Texten eine gewisse Freude verspürt hatte. Diese Freude war es, die ihn einst zum Schreiben gebracht hatte und genau diese Freude war es auch, die er nun schon seit so langer Zeit nicht mehr gespürt hatte. Der Jemand wurde traurig und ging ins Wohnzimmer. Dort lief er minutenlang auf und ab und dachte nach. Irgendetwas stimmte nicht und er wollte wissen, was das war.
Plötzlich erkannte er, wo das Problem lag. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, obwohl er noch nie Schuppen auf den Augen gehabt hatten. Trotzdem fielen sie und ihm das Problem ein: Das Schlafzimmerfenster war noch geöffnet und draußen regnete es in Strömen. Schnell rannte der Jemand in besagtes Zimmer und schloss das Fenster. Die Gardine war zwar ein wenig nass geworden, Schlimmeres hatte er durch seine schnelle Reaktion aber zum Glück verhindern können.
Zurück im Wohnzimmer platzte dem Jemand dann der Kopf. Erschrocken rannte er (der Jemand, nicht der geplatzte Kopf) ins Badezimmer und blickte in den Spiegel. Erleichtert atmete er auf. Unter dem geplatzten Kopf hatte sich ein zweiter Kopf versteckt, der genauso aussah, wie der erste. Niemand würde den Unterschied feststellen können. Nur der Jemand merkte sofort, dass sich zwei Dinge verändert hatten.
Zunächst einmal war die Wohnzimmertapete aufgrund der Blutflecke vollkommen hinüber. Das war aber nichts, was man nicht beheben konnte. Schon morgen wollte der Jemand einen Landstreicher auf der Straße auflesen und ihm die Umschulung zum Wandstreicher finanzieren. „Jeden Tag eine gute Tat!“, sagt man schließlich. Und wenn einem die gute Tat dann letztendlich auch noch das Wohnzimmer verschönert, dann geht man auf jeden Fall als Gewinner nach Hause. Wenn man nicht schon bereits dort ist, weil man gerade eine Wand gestrichen bekommt.
Der zweite und viel wichtigere Punkt, der dem Jemand nun klar wurde, war der Grund für sein Schreibproblem. Er erinnerte sich daran, wie er diese alten Texte geschrieben hatte. Man konnte seine damalige Vorgehensweise mit nur einem Wort zusammenfassen: Spontan. Er hatte sich früher nie viele Gedanken über seine Texte gemacht. Er brauchte nur ein Thema und der Rest ergab sich von selbst. Er entschied sich während des Schreibens, wo die Reise hingehen sollte. Alles Weitere überlegte er sich nach der Einleitung spontan. Hatte er den Text fertiggestellt, musste er hier und da nur noch ein paar Kleinigkeiten korrigieren und am Ende hatte er einen Text erschaffen, mit dem er vollkommen zufrieden war.
Und genau diese Spontaneität hatte der Jemand verlernt. Er nahm das Schreiben mittlerweile zu ernst. Es plante zu viel und nahm sich somit die Freiheiten, die ihn damals immer so motiviert hatten. Heutzutage wurden erst einmal Ideen gesammelt, dann die Geschichte geplant, die Absätze konstruiert und erst nach all diesen Phasen begann er das eigentliche Schreiben, dass auf diese Art und Weise zu einem bloßen Abtippen von Schmierzetteln verkam. Er wusste wo er war und wo er hin wollte. Er musste nur noch ein paar Wörter auf den matschigen Boden zwischen den Textabschnittspfützen werfen. Und das machte ihm einfach keinen Spaß mehr.
Es war nun nicht so, dass der Jemand unzufrieden mit seinen aktuellen Texten war. Natürlich mochte er sie noch, sonst hätte er sie nie vollendet. Aber der Schreibvorgang verkam zur Arbeit. Der Schaffensprozess spielte sich vorher ab. Er hatte weiterhin tolle Ideen, doch diese zu formulieren machte ihm früher eigentlich am meisten Spaß. Und genau diesen Vorgang hatte er sich selbst weggenommen.
Der Jemand begann zu grinsen. Er hatte sein Problem gefunden und ein neues Feuer wurde entfacht. Irgendetwas kribbelte in ihm. Es begann an seinem Hals und bewegte sich von da an abwärts in Richtung Magengegend. Aus Reflex begann er sich an der Stelle zu kratzen, an der er das Kribbeln spürte und als ihn ein stechender Schmerz überfiel, stellte er fest, dass ihm eine Wespe unter sein T-Shirt gekrabbelt war. Das Kratzen hatte ihren Stechreflex ausgelöst und nun hing sie sterbend in seinem Bauchnabel.
Fluchend zog sich unser Jemand sein T-Shirt aus und sich das Getier aus der Haut. Wütend warf es auf den Balkon, stellte fest, dass die Balkontür geschlossen war und er die Wespe somit nur gegen die Scheibe geworfen hatte, öffnete die Tür, hob die Wespe auf und warf sie erneut auf den Balkon. Der Wind wehte sie, noch bevor sie den Boden erreichen konnte, zurück in die Wohnung und so beschloss der Jemand, dass er gerade wichtigeres zu tun hatte, als eine Wespe auf den Balkon zu werfen. Also ging er zurück in sein Arbeitszimmer.
Dort setzte er sich an seinen Computer und schrieb nachts um drei Uhr einen Text, der lustiger war als alles, was er in den Monaten zuvor verfasst hatte. Er schrieb den Text am Stück, ohne Pause und ohne Planung. Und er hatte einen riesigen Spaß dabei. Als er mit dem Schreiben fertig war, schaltete er seinen Computer aus und tanzte voller Freude durch die Wohnung. Bis er auf die Wespe trat, deren Stachel noch immer intakt war und nun in seinem Fuß stecken blieb. Aber das kümmerte den Jemand gar nicht. Schließlich hatte er gerade seine Schreibblockade besiegt und seine Schreiblust wiedergefunden. Nach vier Sekunden bemerkte der Jemand aber, dass der Stich doch ziemlich weh tat. Er legte sich ins Bett und weinte sich in den Schlaf. Mit dem einen Auge weinte er vor Schmerzen, mit dem anderen vor Freude.
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Mittwoch, 27. Juli 2011
Vor einiger Zeit hatte ich Probleme mit meinen Daten. Sie gerieten in die falschen Hände und wurden von diesen für ihre niederen Zwecke missbraucht. Zwar finde ich Missbrauch an sich nicht so gut, bei meinen Daten war mir das bisher aber immer ziemlich gleichgültig. Soll man mit meinen Daten doch machen, was man möchte. Schließlich verliere ich nichts dadurch, dass andere Personen meine Daten bekommen. Ich stelle sie ja auch jedem öffentlich zur Verfügung. So ist das, wenn man eine Internetseite führt.
Aber jetzt mal ehrlich: Was sind das eigentlich für Daten, von denen panische Paranoiker immer so reden? „Ich kaufe nicht in Online-Shops ein, denn ich will denen nicht meine Daten geben!“ Nun, liebe Panikverbreiter, ihr solltet vielleicht mal darüber nachdenken, dass ein Online-Shop nicht eure Daten, sondern euer Geld möchte.
Natürlich gibt es auch Firmen, die mit unseren Daten Handel treiben. Aber auch hier sehe ich kein Problem. Das Schlimmste, was passieren kann, ist der Erhalt von Werbebriefen oder -anrufen. Ein Beispiel für letztgenanntes Ereignis wäre folgender Anruf:
Sie: „Schönen Guten Tag, spreche ich mit Herrn Nürsel?“
Ich: „Ja, am Apparat.“
Sie: „Herrn Stiftnürsel?“
Ich: „Vollkommen richtig.“
Sie: „Das ist ja super, dass ich sie gleich erreiche!“
Ich: „Ja, das dürfte auch meinen bisherigen Tageshöhepunkt darstellen.“
Sie: „Das ist ja fein!“
Ich: „Und eine Lüge.“
Sie: „Ich rufe im Auftrag der Firma Wurstmobil (Name frei erfunden) an.“
Ich: „Aha.“
Sie: „Sie hatten vor einiger Zeit an einem unserer Gewinnspiele teilgenommen. Erinnern sie sich?“
Ich: „Mhm.“
Das „Mhm.“ war vollkommen wertfrei gemeint. Ich war mir nämlich sicher, an keinem Gewinnspiel teilgenommen zu haben. Aber ich wollte schon gerne wissen, wie das Telefonat weitergehen würde.
Sie: „Ist schon ein wenig her.“
Ich: „Mhm.“
Ich beschloss, meine neutrale Richtung beizubehalten und während des Telefonats das Wohnzimmer aufzuräumen. Dafür war es mal wieder an der Zeit und ich dachte mir, mich auf diese Weise aus dem Langeweileloch ziehen zu können, in das mich die Anruferin gezerrt hatte.
Sie: „Es ging um Netbooks.“
An dieser Stelle wurde mir klar, dass ich meine „Mhm.“s wohl besser einstellen sollte, da man mich ansonsten mit weiteren Informationshäppchen bewerfen würde und ich langsam nicht mehr wusste, in welcher Hosentasche ich diese unterbringen sollte. Außerdem kann sich ein Mensch doch gar nicht so viel merken. Ich hatte zum Beispiel schon längst wieder vergessen, im Namen welcher Firma die Dame anrief.
Ich: „Mhm.“
Ich verfluchte mich innerlich.
Sie: „Das Gewinnspiel wurde auf unserer Internetseite angeboten.“
Ich verfluchte sie innerlich, ging ins Schlafzimmer, stellte mich vor den sich dort befindenden großen Spiegel, zeigte ihm den Mittelfinger und hoffte, so nicht mir, sondern der Anruferin den Mittelfinger zu zeigen. Ich sah mir meinen Mittelfinger von zwei Seiten gleichzeitig an und kam mir ein wenig albern vor. Ich ging wieder ins Wohnzimmer. Mein innerer Clownehund blieb zurück.
Ich: „Mhm.“
Sie: „Ich habe gute Nachrichten für sie! Wir verlosen insgesamt 50 Netbooks und sie sind unter den 100 Personen gelandet, unter denen diese verlost werden.“
Ich: „Mhm.“
Sie: „Nun möchten wir aber noch schnell abgleichen, ob unsere uns vorliegenden Informationen mit den Tatsachen übereinstimmen. Sind sie damit einverstanden?“
Ich: „Klar, lassen sie mal hören.“
Es interessierte mich wirklich, was genau diese Leute über mich wussten. Und ich war überrascht, als man mir meinen Namen, meine Anschrift, meine Telefonnummer und meine E-Mail-Adresse nannte. Hier hatte jemand offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht. Ich war beeindruckt und besorgt zugleich, ging zurück zum Schlafzimmerspiegel und konnte anhand meiner aufgerissenen Augen erkennen, dass man mir dies auch hätte ansehen können, wenn ich der Anruferin gegenübergestanden hätte. Aber das tat ich nicht. Dies realisierend streckte ich ihr die Zunge heraus und ging wieder ins Wohnzimmer.
Ich: „Ja, die Daten sind alle Korrekt, aber...“
Sie: „Wissen sie, es haben nämlich viele Minderjährige mitgemacht. Und darum rufen wir die Finalisten persönlich an, um alles zu überprüfen.“
Ich: „Mhm.“
Ich bin also ein Finalist.
Sie: „Aber das ist noch lange nicht alles!“
Ich versuchte meine Freude in Zaum zu halten, stellte dann aber fest, dass diese von der ganzen Sache noch gar nichts mitbekommen hatte und nicht rumtollte, sondern schnarchte. Ich hob sie vom Boden auf und brachte sie ins Schlafzimmer, damit man das Schnarchen nicht mehr hörte.
Sie: „Weil sie zu den 100 Finalisten gehören, bekommen sie von uns schon jetzt einen Preis. Und zwar eine Simkarte mit Flatrate für ihr Handy. Sie erhalten einen Gratismonat und können bei Nichtinteresse selbstverständlich ganz unverbindlich und überhaupt weil wir da sind und sie auch und Finalisten...“
Das Chaos da oben tut mir leid. Ich gebe es zu: Ich habe nicht genau zugehört. Was interessiert mich der Handystuss einer Handytussi? Also griff ich zu einer Notlüge, um die Qualen meiner Ohren zu beenden, die lieber dem Schnarchen meiner Freude gelauscht hätten als dem Gelaber der Anruferin.
Sie: „Welchen Flatratetarif möchten sie denn haben?“
Ich: „Zunächst hätte ich erst einmal gerne ein Handy.“
Sie: „Wie meinen sie das?“
Ich: „Ich habe kein Handy.“
Sie: „Sie haben kein Handy?“
Ich: „Nun, so ganz stimmt das natürlich nicht, doch es ist kaputt und ich könnte mit so einer Karte also gar nichts anfangen.“
Sie: „Wann bekommen sie denn ein Neues?“
Ich: „Keine Ahnung. Ich habe gerade keine Zeit, mich um so etwas zu kümmern.“
Sie: „Nun, weil sie es sind, bekommen sie nicht nur die Simkarte, sondern zusätzlich ein Startguthaben von 10 Euro für den zweiten Monat, der somit auch umsonst wäre.“
Ich: „MUSS ich diese komische Karte nehmen, wenn ich den Laptop gewinnen will?“
Sie: „Sie meinen das Netbook.“
Ich: „Natürlich.“
Ich ärgerte mich darüber, dass ich dieses überlebenswichtige Detail falsch verstanden hatte.
Sie: „Ob sie die Karte nehmen oder nicht, liegt ganz in ihrem Ermessen.“
Ich schätzte die Wegstrecke zwischen Nutzen und Unnutzen einer nutzlosen Simkarte ab, ermaß noch ein wenig herum und kam letztendlich zu folgendem Schluss:
Ich: „Dann verzichte ich. Aber danke für das Angebot.“
Sie: „Wenn sie meinen. Dann habe ich nur noch eine Frage: Welche Farbe soll ihr Netbook denn haben?“
Ich: „Welche Farben gibt es?“
Sie: „Weiß, schwarz, grau und Neonähnliche Farben.“
Ich: „Neonähnliche Farben? Welche wären denn das?“
Sie: „Grün, blau, rot, pink...“
Natürlich weiß ich nicht mehr, welche Farben sie genannt hat. Ich kenne mich auf dem Gebiet der Laptop-, Entschuldigung, Netbookfarbpaletten nicht so aus. Was mich gerade ziemlich glücklich macht.
Ich: „Dann nehme ich grün.“
Sie: „Wirklich?“
Ich: „Japp.“
Sie: „Das ist aber ein ziemlich knalliges Grün.“
Ich: „Aber das ist doch super!“
Sie: „Wenn sie meinen.“
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Anruferin etwas gegen Grün hat. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich wusste gar nicht mehr, warum ich noch nicht aufgelegt hatte und wollte jetzt nicht auch noch einen Streit aus Langeweile anfangen.
Sie: „Gut, dann haben wir jetzt alles.“
Ich: „Das ist spitzenmäßig super.“
Sie: „Dann wünsche ich ihnen noch...“
Ich: „Eine Frage.“
Sie: „Bitte.“
Ich: „Wie kann ich sehen, dass ich gewonnen habe?“
Sie: „Oh, wir schicken ihnen dann eine E-Mail.“
Ich: „Aber klar.“
Sie: „Haben sie sonst noch Fragen?“
Ich: „Wann ist die Verlosung?“
Sie: „Ende des Monats.“
Ich: „Mhm.“
Sie: „War das alles?“
Ich: „Klar.“
Sie: „Dann wünsche ich ihnen noch einen schönen Tag.“
Ich: „Danke. Bis denn.“
Sie: „Tschüss.“
Ich: „Ja.“
Sie: „Wiedersehen.“
Ich legte auf, um eine endlose Verabschiedungsschleife zu vermeiden.
Stattdessen ging ich ins Schlafzimmer und weckte meine Freude. Wir gingen zusammen in die Küche und aßen einen Apfel. Danach tanzten wir eine Stunde lang um einen Elektrogrill herum und plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich der Anruferin vielleicht doch hätte sagen sollen, dass ich nie an einem Netbookgewinnspiel einer Wurstfirma teilgenommen habe. Schließlich interessiere ich mich nicht für Netbooks. Ich benutze lieber Laptops.
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Dienstag, 26. Juli 2011
Nehmen wir mal an, irgendein Mensch hätte vor langer Zeit beschlossen, die Wörter „Quiz“ und „Spiel“ zu vertauschen. Was würden die regelmäßig durch die Innenstadt tobenden Freudenmobs dann singen? Genau: „Das ganze Leben ist ein Spiel!“ Und wisst ihr, was das Tollste daran wäre? Nein? Ich schon!
Nun möchte ich aber zunächst ein paar Sekunden innehalten und nichts mehr zu diesem Thema sagen. Viel lieber warte ich ab. Schließlich möchte ich, dass ihr mir euer Interesse verkündet, indem ihr „Was ist denn das Tollste daran?“ fragt. Na? Habt ihr es schon getan? Da ich gerade erst diesen Text schreibe, ihr ihn somit noch gar nicht gelesen habt und ich es darum nicht kontrollieren kann, nehme ich es einfach mal an.
Soso, ihr möchtet also wissen, was das Tollste daran wäre? Nun, wenn ihr schon nachfragt, dann möchte ich es euch selbstverständlich nicht vorenthalten. Es ist ja nicht so, als hätte ich das da oben angedeutet, um es euch NICHT zu sagen. Ich wollte nur euer Nachfragen abwarten.
Das Tollste an der ganzen Sache wäre, dass ich mitten unter den fröhlichen Menschen herumtollen und mitsingen würde! Denn ich mag Spiele. Ich mag sie sogar so gerne, dass ich hin und wieder eigene Spiele erfinde!
Ein Beispiel dafür ist meine „Ich sitze am Tisch“-Strichliste. Hierbei handelt es sich um eine Strichliste, auf der ich vermerke, wie oft ich mich an einen Tisch gesetzt habe. Immer, wenn ich dieser Tätigkeit nachgehe, mache ich einen Strich auf meiner Liste. Am Ende der Woche setze ich mich dann an meinen Computer und erstelle eine komplizierte Exceltabelle, in der ich alle gesammelten Tischsitzinformationen alphabetisch anordne und in ein Tortendiagramm verpacke. Dadurch erhalte ich nach einigen spannenden Stunden voller Langeweile einen schönen, einfarbigen Kreis, der alles ist, nur nicht kompliziert. Diesen färbe ich dann in der Regel grün ein und ergötze mich an seinem Anblick. Ich finde grün nämlich toll. Noch toller als Spiele. Aber um diese sollte es hier viel eher gehen als um grün. Schließlich habe ich mich in der Einleitung auf sie bezogen. (Ich sitze übrigens gerade an einem Tisch. Der Strich dafür ist notiert. Ich arbeite sehr gewissenhaft.)
Letztendlich ist das Tischspiel aber nicht so spannend, dass es meinen Sinn nach Freude vollständig befriedigt. Darum habe ich mir etwas Neues einfallen lassen, das auf den Namen „Das Andeutungsspiel“ hört (manchmal auch auf Franz, das aber in der Regel nur, wenn es einen harten Tag hatte und nicht so genau hinhört) und funktioniert folgendermaßen:
Am besten spielt man das Spiel im Internet, genauer in einem Forum. Dort liest man jeden geschriebenen Beitrag und hält nach folgenden Sätzen Ausschau: „Mensch, heute ist mir etwas Tolles passiert!“, „Heute war ein blöder Tag.“, „Seufz, ich bin vielleicht mies drauf.“ oder „Haha, ihr glaubt nicht, was mir heute passiert ist.“ Wichtig ist, dass diesen Aussagen keine weitere Erklärung folgt und sie somit von nach Aufmerksamkeit dürstenden Labervampiren verfasst wurden.
Habt ihr einen solchen Beitrag gefunden, beginnt das Spiel. Ihr wartet. Ihr wartet so lange, bis ein anderer Forenbenutzer ankommt und nachfragt, was der Vampir meinte. „Was ist denn passiert?“ ist ein schönes Beispiel für eine der gesuchten Formulierungen. Nun notiert ihr den Benutzernamen des Fragestellers auf einem Zettel und macht einen Strich hinter seinem Namen. Dieser Strich symbolisiert einen Minuspunkt, den besagte Person kassiert, weil sie so blöd ist, an den zuvor ausgeworfenen Aufmerksamkeitswurm anzubeißen und von nun an am Verliererhaken zappelt.
Das Spiel geht aber noch weiter: Sollte der Labervampir nun mit einem „Ach, frag besser nicht.“ oder etwas Ähnlichem antworten, notiert ihr auch dessen Namen auf der Liste, gebt ihm aber gleich zwei Minuspunkte, weil er seine Angel nicht nur ausgeworfen hat, sondern dies auch noch gleich zweimal und falsch herum. Dass es sich bei dieser Tätigkeit um Platzverschwendung auf einer öffentlichen Diskussionsplattform handelt, ist offensichtlich und dies mit zwei Minuspunkten zu ahnden definitiv gerechtfertigt.
Im Grunde ist das auch schon alles, was man zum „Andeutungsspiel“ wissen muss. Natürlich kann man es auch im „richtigen Leben“ spielen, im Internet füllt sich meine Liste aber in der Regel schneller als andernorts.
Mir selbst macht mein Spiel sehr viel Spaß, auch wenn sich hier nach der wöchentlichen Excelbehandlung leider keine vollständig grünen Torten ergeben. Aber mir hat mal jemand erzählt, dass grüne Torten ein Zeichen für von Schimmel befallene Backwaren sind. Genauer kann ich diese Aussage leider nicht erklären, da derjenige, der diese gemacht hat, noch immer auf das „Warum?“ von mir wartet.
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Montag, 30. Mai 2011
Ich habe mir in meinem Leben schon sehr viele Arztgeschichten anhören müssen. Menschen reden schließlich andauernd über gesundheitliche Probleme und hin und wieder scheint es so, als wolle man sich gegenseitig mit körperlichen Gebrechen übertrumpfen. Über dieses Thema möchte ich aber keine weiteren Worte verlieren, das habe ich schon viel zu oft getan und sie danach nie wiedergefunden. Ich möchte viel lieber positive Themen anschneiden und eine Empfehlung aussprechen. Eine Empfehlung für das unterhaltsamste Wartezimmer!
Dieses gehört zu einem Arzt, den man in der Regel nur sehr ungerne aufsucht. Dem Urologen. Viele gehen nicht gerne zum Urologen oder nur, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Ich weiß nicht genau, ob das an Horrorvorstellungen über die Behandlungsmethoden oder bloßer Scham liegt, persönlich möchte ich aber mal ein gutes Wort für die Urologen da draußen einlegen. Sie sind auch nur Ärzte.
Jetzt aber zurück zur Preisverleihung. Das Besondere an einem Urologenwartezimmer ist ein ganz bestimmter Gegenstand, der das zentrale Element der Einrichtung bildet: Der Wasserspender. Hierzu muss man folgendes wissen: Geht man zum Urologen, wird eine Urinprobe genommen. Auch, wenn man gar keine Probleme mit dem Wasserlassen oder dem Wasserlasser hat. Sicher ist sicher. Und wenn man schon mal da ist...
Nun gibt es dabei aber ein Problem: Wer nicht muss, der kann nicht. Bei meinem ersten Urologenbesuch wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass ich nach Ankunft einen Becher befüllen musste. Ich bin sogar vor dem Arztbesuch extra noch einmal auf die Toilette gegangen. Wie man das so macht, wenn man weg geht. Und somit stand ich vor einem Problem: Ich konnte nicht.
Aber zum Glück war ich nicht der erste Mensch, der nicht konnte und so hatte man im Wartezimmer den oben angesprochenen Wasserspender aufgestellt. Dieser bildete in den nun folgenden Minuten den zentralen Knotenpunkt aller Anwesenden, denn fast jeder musste eine Urinprobe abgeben. So saß ich also mit etwa zehn (männlichen) Personen um einen Wasserspender herum, hielt einen Plastikbecher in der Hand und trank Wasser.
Dabei gab es nun jedoch ein paar ungeschriebene Gesetze zu beachten. Zum Beispiel durfte sich immer nur eine Person am Wasserspender zu schaffen machen und sich vor allem niemand hinter den gerade seinen Becher füllenden anstellen. Das gehörte sich nicht. Man musste warten, bis sich der Auffüller wieder hingesetzt hatte. Nun schaute man sich um und prüfte, ob es nicht eine andere Person gab, die noch vor einem ein Recht auf frisches Wasser hatte. Zum Beispiel jemand, der schon länger als man selbst im Wartezimmer saß oder mehr Muskeln besaß und auf Streit aus war. War dies nicht der Fall, erhob man sich und füllte den eigenen Becher auf. Alle anderen warteten, schauten zu oder lasen eine der ausliegenden Zeitschriften.
Während des Füllvorgangs gab der Wasserspender lautes Gluckern von sich, das sich schon nach wenigen Minuten wie ein Ohrwurm in mein Trommelfell bohrte, einen Tunnel bis tief in mein Gehirn grub und sich dort festsetzte. Noch heute habe ich bei Gluckergeräuschen das Bedürfnis, in einen Becher zu pinkeln.
So saßen wir also im Wartezimmer und tranken. Unser Ziel war klar: Der Gang zur Toilette. Immer wieder geschah es, dass sich einer der Anwesenden mit einem triumphalen Seufzer erhob, den Becher zerknüllte, ihn in den Mülleimer warf und das Wartezimmer verließ. Wir, die noch sitzenden Trinker, wussten, was das bedeutete: Er musste auf die Toilette. Er hatte es geschafft. Nach kurzer Zeit kam er wieder, trug ein breites Grinsen mit sich herum, setzte sich wieder hin, griff zu einer Zeitschrift und wartete auf das Gespräch mit dem Arzt. Wir anderen tranken weiter.
Aber es spielten sich nicht nur schöne Ereignisse ab, es gab auch Schicksalsschläge zu beobachten. So geschah es, dass sich zwischenzeitig ein Mann genauso freudig erhob wie der zuvor beschriebene, seinen Becher vernichtete und uns verließ, jedoch erst nach einigen Minuten gebeugt das Wartezimmer betrat, sich einen neuen Becher nahm, diesen auffüllte und sich peinlich berührt hinsetze. Er hatte versagt, sich geirrt. Es hatte nicht geklappt. Er konnte noch immer nicht. Und alle Anwesenden wussten das.
Ich selbst sah mich jedoch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Nach diversen Bechern intus spürte ich den Siegesdruck meiner Blase und ging auf die Toilette. Dort nahm ich einen der zu füllenden Becher und legte los. Im Stehen natürlich. Zwar gab es eine Toilette, doch diese für besagte Zwecke zu benutzen, ist für einen Mann deutlich umständlicher als sich einfach hinzustellen.
Leider hatte ich die Bechergröße im Vergleich zum getrunkenen Wasser falsch eingeschätzt. Als ich die Zweidrittelmarke bereits überschritten hatte, musste ich mir etwas einfallen lassen. Der Toilettendeckel war schließlich nicht hochgeklappt. Ich möchte hier aber nicht weiter ins Detail gehen, sollte ein Zirkus jedoch einmal Interesse an einer artistischen Meisterleistung haben, so möge er mich bitte anrufen.
Nach diesem Kunststück ging ich zurück ins Wartezimmer. Grinsend gab ich jedem zu Verstehen, dass es bei mir geklappt hatte. Von meinem Problem erzählte ich keinem. Es würde niemand erfahren. Ich hatte schließlich alle Spuren beseitigt. Zufrieden griff ich zu einer der ausliegenden Zeitschriften, lehnte mich in meinem Stuhl zurück und tat so, als würde ich lesen. Natürlich las ich nicht wirklich. Ich beobachtete weiter das Geschehen und lauschte dem Gluckern. Wie alle Lesenden um mich herum.
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Freitag, 6. Mai 2011
Bei dem „Mähdrescher Kraftfahrzeugsimulator 2011“ handelt es sich um eine jüngst erschienene Wirtschaftsfahrzeugsimulation, die sich im Laufe der letzten Woche an die Spitze meiner persönlichen Wirtschaftsfahrzeugsimulationentabelle gekämpft hat.
In den letzten Monaten hat besagtes Genre bekanntlich einiges an Aufmerksamkeit bekommen, was es vor allem der Veröffentlichung des vierten Teils der „Straßenkehrer Fahrsimulator“-Reihe (2010) zu verdanken hat. Diese hatte sich seinerzeit getraut, dem 3D-Wahn - im Gegensatz zur Konkurrenz - nicht hinterherzurennen und sich ganz auf seine zweidimensionalen Wurzeln zu berufen. Anfangs wusste man noch nicht, ob sich dieser Schritt auszahlen würde, mittlerweile hat sich jedoch gezeigt, dass ein gutes Spielsystem alle 3D-Schreie verstummen lassen kann.
Ich selbst konnte mit dem „Straßenkehrer Fahrsimulator 2010“ aber leider nicht viel anfangen. Selbstverständlich kenne auch ich die wichtigsten Fahrzeugmodelle der Serie und ihre Spezifikationen. Wer nicht? Trotzdem war mir der „Straßenkehrer“ immer zu sauber und ordentlich. Klar, was will man von einem Spiel mit diesem Titel auch anderes erwarten? Dennoch: Mir ist bis heute fast keines der angebotenen Fahrzeuge sympathisch. Es muss bei mir einfach „klick“ machen, wenn ich mich im Farzeugauswahlmenü befinde. Und das tat es nicht.
Da dies natürlich eine sehr subjektive Meinung ist, möchte ich auch betonen, dass ich mich zudem nie mit der Spielmechanik anfreunden konnte. Die Fahrzeugbedienung wollte mir nie so leicht von der Hand gehen, wie die Entwickler es wollten. Das ist nicht erst seit dem vierten Teil so. Aufgewachsen bin ich nämlich mit dem zweiten Teil der Serie. Bei einem Freund auf dem Supernintendo habe ich damals einige Stunden lang Straßen gereinigt und bin sogar kompetitiv gegen meinen Klassenkameraden angetreten. Aber die einzige Straße, die hier poliert wurde, war meine eigene. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Das Wirtschaftsfahrzeugsimulationsgenre war sowieso noch nie mein Lieblingsgenre gewesen, was ich nicht nur auf den „Straßenkehrer“, sondern auch auf all die anderen Simulationen da draußen beziehe.
Doch dann wurde der „Mähdrescher Kraftfahrzeugsimulator 2011“ angekündigt und plötzlich mein Interesse für das Genre neu entflammt. Ich erinnerte mich an meine ersten Kontakte mir der Serie, als die Animationen der einzelnen Fahrzeuge noch aneinandergereihte Fotos echter Fahrzeuge waren. Das hatte schon seinen ganz eigenen Charme. Aber im Laufe der Zeit machte auch diese Serie den Schritt in die dritte Dimension und ich verlor das Interesse.
Warum mich 3D stört? Das ist schwer zu erklären. Vermutlich liegt es daran, dass ich schon genug mit der Steuerung der Boliden zu kämpfen habe, wenn ich mich um ein zweidimensionales Terrain kümmern muss. Nun auch noch in die Tiefe gehen zu müssen, hat mich immer überfordert. Wie gesagt: Ich bin kein Profi im Bereich der Wirtschaftsfahrzeugsimulatoren. Und darum freute es mich auch, dass nun wieder alles anders ist: Keine 3D-Umgebungen. Keine Tiefe. Ich wurde hellhörig.
Mittlerweile ist das Spiel erschienen, ich habe einige Stunden Spielzeit hinter mich gebracht und kann sagen: Alles ist so wie früher. Und sogar besser. Ich möchte mich nun aber von der technischen Seite entfernen. Das Wichtigste habe ich gesagt: Der Spielablauf ist zweidimensional, die Grafik erstrahlt dafür in augenmassierendem 3D.
Was viel mir wichtiger ist: Das Spiel macht Spaß! Und das nicht zu knapp. Dies liegt zunächst einmal an den vielen unterschiedlichen Fahrzeugen. Etwa dreißig Stück haben es in das Spiel geschafft und wer glaubt, hier kein seiner Spielweise entsprechendes Gefährt zu finden, liegt falsch. Schon alleine das Fahrzeugdesign ist aufgrund seines Abwechslungsreichtums eine Augenweide, weicht es doch von den zuvor erwähnten, blank polierten Straßenkehrmaschinen ab. Gibt der Motor des Einen während der Arbeit laute Quiekgeräusche von sich, grummelt der des Anderen nur leise vor sich her und auch optisch bekommt man hier von „normal“ bis „vollkommen abgedreht“ einiges geboten. Das ist natürlich nicht verwunderlich. Mähdrescher dreschen auf dem Land, nicht auf der Straße. Hier geht es härter und dreckiger zur Sache. Hier gehen die Fahrzeuge nach einem langen Arbeitstag nicht nur einfach mal kaputt, sondern fliegen einem, wenn man nicht aufpasst, hin und wieder aufgrund extremer Überlastung in Einzelteilen um die Ohren. Aber so ist das eben auf dem Land. Die Charakterdarsteller des Fernsehepos „Bauer sucht Frau“ können ein schweißtreibendes Lied davon singen.
Trotz dieser Gefahren geht die Bedienung der Mähdrescher deutlich leichter von der Hand als die seiner Kollegen von der Straße. Mit höchstens vier Handgriffen hat man in der Regel alles erledigt und nach wenigen Spieltagen, wenn man sich auf eine Maschine konzentriert, alles Wichtige gelernt. Nun beginnt der eigentliche Spaß: Wie ein Tornado fegt man über die Felder, reiht Kombination an Kombination und drischt was das Zeug hält.
Diese Bedienung mögen Freunde anderer Wirtschaftsfahrzeugsimulationen vielleicht als zu simpel bezeichnen, was aber nicht nur Geschmackssache, sondern sehr oberflächlich ist. Die einzelnen Aktionen so aneinanderzureihen, dass man gegen einen menschlichen Konkurrenzbauern (zum Beispiel den Nachbarsbauern, der einem die Erträge der eigenen Feldarbeit bildlich gesprochen um die Ohren hauen möchte) bestehen kann, ist schwerer als man zunächst annehmen mag.
Es gibt da aber noch einen anderen Punkt, den ich ansprechen möchte: „Der Mähdrescher Kraftfahrzeugsimulator 2011“ bietet seinem Käufer etwas, was ich von diesem Genre niemals erwartet hätte: Eine richtige Kampagne mit Hintergrundgeschichte!
Das läuft in etwa so ab: Man beginnt als Bauer A, der auf einem Erntedankfest seine Ernte präsentieren möchte. Das Fest findet in einer Woche statt und man ist fleißig am Landwirtschaften. Plötzlich steht Bauer B vor der Haustür, der schon immer auf die Leistungen des Spielers neidisch war und einen darum zu einem Wettkampf herausfordert. Er selbst will ebenfalls am Fest teilnehmen und seine Früchte präsentieren. Sogleich beginnt ein Kampf, den der Spieler nun für sich entscheiden muss. Das ist aber noch nicht alles! Nach ein paar Runden erscheint plötzlich Bauer C. Dieser ist nicht nur interessiert am Hof von Bauer B, sondern auch noch dessen Sohn! Der Spieler springt nun in die Rolle von Bauer C und tritt im Laufe der Geschichte wieder gegen andere Bauern an, die man dann einige Zeit später ebenfalls selbst spielt. Dieser Perspektivenwechsel zieht sich durch die gesamte Geschichte. Natürlich ist das Ganze hier und da ein wenig abgedreht und bescheuert, dennoch bietet es etwas, was mir bisherige Wirtschaftsfahrzeugsimulationen nie bieten konnten: Spannende Unterhaltung!
Das ist aber noch lange nicht alles: Die gewöhnlichen Einzelspielerkarten, die man von der Konkurrenz und früheren Teilen der Serie kennt, sind ebenfalls enthalten und diverse Glücksspiele, bei denen die Mähdrescher nach dem Zufallsprinzip manipuliert werden (Schon mal während des Dreschens eingeschlafen?) sorgen für chaotische aber nicht minder spaßige Stunden. Auch Mehrspielerpartien sind möglich. Hier drischt man entweder gegeneinander oder in Zweierteams über die Felder.
Durch das Spielen der unterschiedlichen Spielmodi verdient man nebenbei Geld, das man in allerlei Extras investieren kann. Dazu gehören Konzeptzeichnungen der Schadensmodelle der verschiedenen Mähdrescher, neue Lackierungen oder sogar Sonderfunktionen, die den Spielablauf verändern können. Um hier alles freischalten zu können, muss man definitiv einige Stunden in das Spiel investieren.
Selbstverständlich ist nicht alles perfekt. Das Finale der Kampagne ist zum Beispiel etwas unfair und hat mich einige Male an meinen Fingerfertigkeiten zweifeln lassen. Aber wir reden hier ja auch von einer Wirtschaftsfahrzeugsimulation und dieses Genre gehört bekanntlich nicht zu den einfachsten der Videospielgeschichte. Außerdem gehören schwere Enden zur „Mähdrescher Kraftfahrzeugsimulator“-Reihe einfach dazu.
Es ist leicht zu erkennen, dass ich begeistert bin von dem Spiel. Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Wirtschaftsfahrzeugsimulation mal so gut unterhalten könnte. Leider kommt man hierzulande nur schwer an das Spiel heran. Die Nachfrage war in der ersten Woche der Veröffentlichung so groß, dass schon nach kurzer Zeit alle Exemplare vergriffen waren und es zu Massenschlachten an den Kassen kam, wodurch sich die Geschäfte nun weigern, weitere Exemplare in ihre Regale zu stellen. Ich empfehle somit eine Bestellung über das Internet.
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