|
Sonntag, 22. April 2012
Ich sitze in meiner Wohnung und werde nass. Ein kaputtes Dach hat nichts damit zu tun.Über mir befinden sich noch zwei weitere Wohnungen. Wenn mich nach einem Dachschaden das einströmende Wasser erreicht hat, dann muss hier schon einiges los sein. Und das ist es nicht. Hier ist gerade gar nichts los. Ich sitze einfach nur gemütlich am geöffneten Fenster, genieße die frische Luft (die mich von der unter meinem Wohlfühlausblick liegenden Hauptstraße aus erreicht) und schreibe diesen Text. Dass es regnet, ist mir egal. Ich mag Regen.
Warum nur ist ein Großteil der Menschheit Regen gegenüber so ablehnend eingestellt? Wenn es regnet, sind immer gleich alle am jammern und am stöhnen. Man greift zu Regenschirm und -jacke und rennt schmollend durch die Gegend. Wie gemein die Natur doch wieder zu einem ist. Man wird nass. Nass ist blöd. Selbst bei Nieselregen werden umgehend tragbare Schutzschilde aufgespannt.
Ich besitze keinen Regenschirm. Das hat zwei Gründe.
Erstens: Ich habe kein Problem damit, nass zu werden. Warum auch? Ich habe Kleidung zum Wechseln zu Hause. Meistens ist der Austausch von Kleidung nach dem Regen aber gar nicht nötig. Nach ein bisschen Geniesel hat sich zwar Wasser auf mir niedergelassen, dieses richtet sich aber nicht länger als dreißig Minuten bei mir ein. In dieser Zeit nehme ich meine zusätzliche Kleiderflüssigkeit hin und denke nicht weiter darüber nach. So gehe ich sowohl zu Hause als auch während Besuchen bei anderen Leuten vor.
Sollte ich aufgrund starken Regens mal richtig durchnässt und nicht zu Hause sein, so sitze ich diesen Umstand ebenfalls aus. Es ist nur Wasser. Das trocknet schon wieder. Sollte sich der Gastgeber um seine Möblierung oder den Teppichboden Sorgen machen, setze ich mich aber selbstverständlich auf eine Decke. Ich muss die Nässe nicht weitergeben.
Zweitens: Ich hasse es, Regenschirme in der Hand zu halten. Diese Dinger sind unglaublich unpraktisch. Zunächst einmal hat man eine Hand weniger frei als sonst. Ich brauche meine Hände, wenn ich unterwegs bin. Zum Beispiel um sie lässig in meine Hosentaschen zu stecken. Sie mit einem Regenabwehrmechanismus zu bestücken, kommt nicht in Frage. Außerdem muss man bei Windstößen aufpassen, dass sie einem nicht aus der Hand geweht werden. Schon mal bei starkem Regen zwischen zwei Hochhäusern durchmarschiert? Auf diesen Kampf kann ich gerne verzichten. Da werde ich lieber nass.
Was ich auch nicht mag: Kleine Menschen mit Regenschirmen, die sich ihrer geringen Größe und der davon ausgehenden Gefahr nicht bewusst sind. Wenn Regenschirmränder mit mir auf Augenhöhe stehen, wechsle ich gerne mal die Straßenseite. Oder weiche auf die Fahrbahn aus. Auf einer Hauptstraße fühle ich mich sicherer als einem kleinen Menschen mit Regenschirm entgegenzugehen. Wie oft stand ich kurz davor, ein Auge zu verlieren, nur weil ein ignoranter Zwerg in der Schule gefehlt hatte, als Aufmerksamkeit gelehrt wurde?
Nein. Regenschirme kommen mir nicht in die Hand. Und die Welt wäre ohne sie sicherer. Im Herbst über die Frankfurter Zeil zu schlendern kommt einem Spießrutenlauf gleich. Warum? Wegen all den Menschen, die sich aufgrund eventuell eintretender Regenschauer mit Schirmen bewaffnet haben, diese nun in der Hand halten und ihren Armbewegungen beim Gehen angepasst mitschwingen lassen. Der Herbst ist für mich die Jahreszeit, in der ich stets Angst um meine Zeugungskraft habe, wenn ich draußen unterwegs bin.
Aber das alles erklärt nicht, warum ich Regen mag. Ich will ehrlich sein: Eine Erklärung kann ich dafür gar nicht geben. Ich mag es einfach, nass zu werden. Mal ein Beispiel: Vor einiger Zeit saß ich in der U-Bahn. Als die Bahn irgendwann an der Oberfläche fuhr, bemerkte ich, dass es draußen regnete. Und zwar richtig. Ich stand auf, verließ die Bahn und ging den Rest der Strecke nach Hause (geschätzte 20 Minuten lang) zu Fuß. Als ich zu Hause war, war ich vollkommen durchnässt. Von oben bis unten. Hätte man mich ausgewrungen, wäre am Ende vermutlich so viel Wasser meiner Kleidung entwichen, dass ich mich eine Woche lang davon hätte ernähren können. Ich ging schnurstracks ins Badezimmer, zog mich aus, stellte mich unter die Dusche und war am Ende erholt und glücklich. Dieser Moment beschreibt vermutlich am besten, wie sehr ich Regen mag.
Selbstverständlich renne ich jetzt nicht sofort auf die Straße, wenn es regnet. So schlimm ist es dann auch wieder nicht. Ich nehme Regen einfach hin. Und manchmal kommt der Moment, an dem ich ihn richtig genieße. Gehe ich durch die Stadt und es nieselt, dann freue ich mich. Ich sehe all die Menschen, die sich an Geschäftswänden herumdrücken und den Tropfen ausweichen. Ich gehe währenddessen weit von Unterständen entfernt meines Weges und freue mich darüber, mehr Platz zu haben als an warmen Sommertagen.
Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich Brillenträger bin. Diese hört man nämlich häufig über Regen klagen, schließlich setzt sich dieser auf die Gläser und behindert die Sicht. Das stört mich auch nicht. Weil ich Kappenträger bin. Ohne meine Kappe gehe ich nur in Ausnahmesituationen aus dem Haus. Und dann gibt es da noch etwas anderes: Manchmal ist es ganz angenehm, nicht alles sehen zu können, wenn man in der Stadt ist. Meiner Meinung nach ist die Welt da draußen sowieso viel zu überladen. Hier hin und wieder einen Filter aus Regentropfen drüber zu legen, kann auch mal ganz angenehm sein.
|
|
|
Samstag, 24. März 2012
Vor einiger Zeit saß ich auf einer Toilette und ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass die folgenden Zeilen schwächeren Magengemütern unangenehm in die Weichteile treten könnten.
Es war einmal eine Schulung in einem Firmengebäude. In der Nähe der Schulungsräume lagen die Toiletten. Das ist nicht wörtlich zu verstehen. Natürlich lagen da keine Toiletten auf dem Flurboden. Es gab Toilettenräume. Aber ich wollte vermeiden, das Wort „Räume“ zweimal hintereinander in einem Satz zu benutzen.
Besagte Etage bestand nicht nur aus Schulungs- und Toilettenzimmern. Dort wurde auch gearbeitet. Dies gilt es für die folgenden Schilderungen zu beachten. Genauso wie die Tatsache, dass man die Etage nur mit Hilfe von Chipkarten betreten konnte, die lediglich Mitarbeitern ausgehändigt wurden. Selbst wir Schulungsteilnehmer mussten klingeln, um Zugang zu erhalten.
Nun saß ich also auf der Toilette und bemerkte, dass es in meiner Kabine unangenehm roch. Also unangenehmer als man es von einer Firmentoilette erwarten würde. Irgendetwas roch streng danach, so schnell wie möglich weggespült werden zu müssen. Instinktiv schaute ich zwischen meinen Beinen hindurch und in die Toilettenschüssel hinein. Nein, ich hatte nichts dergleichen verursacht. Zudem sollte man den Geruch der eigenen Exkremente wiedererkennen und nicht als Störenfried wahrnehmen.
Ich sah mich weiter um und sah rechts neben mir eine Wurst auf dem Boden liegen. Und mit „Wurst“ meine ich keinen Brotbelag sondern das, was nach der Brotbelagverdauung als Rest ausgeschieden wird. Sie war etwa so lang wie mein Mittelfinger, dafür aber doppelt so dick. Zumindest im gut gebauten Zentrum. Die spitz zulaufenden Enden wirkten wie zu oft getragene Bommelmützen und hinterließen einen zerfledderten Eindruck.
Zuerst wollte ich laut loslachen, riss mich aber noch einmal zusammen. Ich wusste nicht, ob ich alleine war. Wie würde es auf einen Außenstehenden wirken, wenn ich ein Toilettenabteil betreten und nach wenigen Sekunden lachen würde? Ich wollte Getratsche über Längen vermeiden und unterdrückte meinen Lachdrang, um meine Ehre zu schützen.
Stattdessen überlegte ich, was hier passiert war. Wieso lag ein Stück Kot geschätzte 30 Zentimeter neben seinem Bestimmungsort? Und wer hatte es dort abgelegt? Und warum? Hatte man es versehentlich verloren? War es einem Mitarbeiter aus der Tasche gefallen? Nein. Schluss mit den Albernheiten. Ich hatte Mitleid mit dem Häufchen Elend. Es schien zu schluchzen. Offensichtlich hatte es seinen Vater verloren. Bevor jetzt Emanzen aufkreischen: Es handelte sich um eine Herrentoilette. Ja, ich bin ein Herr. Ein feiner Herr sogar. Im Gegensatz zum gemeinen Herren, der hier die Toilette nicht getroffen hatte.
Oder hatte er sie gar nicht treffen wollen? Ernsthaft: Wer eine Toilette mit Exkrementen füllen möchte, muss sich nur auf eine setzen. Das ist nicht schwer. Eine Wurst legt sich nicht einfach so neben eine Toilette. Sie wird gelegt oder gar geworfen (nicht „gar“ wie „garen“ bei der Essenszubereitung, nur um Missverständnisse aus der Welt zu schaffen). Und warum tut man das? Weil man ein Zeichen setzen will (ich weiß, wovon ich rede). Der beschränkte Zugang verhärtete meinen Verdacht so wie die Luft im Toilettenraum die Wurst (Ich hatte bereits ein Stück Toilettenpapier zusammengerollt und damit in den Kot gepiekt, um dessen Härtegrad zu bestimmen.): Hier hatte ein Mitarbeiter seinem Frust freien Lauf gelassen. Warum? Das konnte ich nicht erkennen. Er hatte mit dem Kot schließlich keine Nachricht geschrieben, die seine Tat rechtfertigte. Er hatte ihn nur abgelegt.
Da ich die Ursache nicht feststellen konnte, dachte ich über den Ablauf nach. Mir fiel nämlich etwas auf: Die Wurst lag genau unter der Abtrennung zwischen meinem Toilettenabteil und dem rechts neben mir. Ich konnte nicht sagen, ob sie von rechts oder von links an dieser Stelle platziert worden war. Und noch etwas fiel auf: Es gab keinerlei Kotspuren um die Wurst herum. Auf natürlichem Weg wäre es für einen Menschen unmöglich gewesen, sie so aus sich selbst fallen zu lassen. Man hatte sie dort gezielt abgelegt. Und es war sehr wahrscheinlich, dass dies unter Einsatz der eigenen Hände geschehen war.
Es gab nun mehrere Möglichkeiten.
1) Man hatte sein Geschäft normal getätigt, daraufhin die Wurst aus der Toilette genommen und dort hingelegt, wo sie der eigenen Sache am besten dienen konnte.
2) Man hatte sein Geschäft auf dem Boden erledigt und das Resultat im Anschluss nach diversen Feng-Shui-Regeln so ausgerichtet, dass es der eigenen Gemütslage entsprach. Zuletzt wurden die Schleifspuren entfernt.
3) Man hatte sein Geschäft auf der eigenen Hand erledigt und die Wurst danach abgelegt.
Diese drei Fälle waren meiner Meinung nach die Offensichtlichsten. Aber ich konnte nichts anderes tun, als Vermutungen zu äußern. Ich wusste ja nicht einmal, ob Toilettenpapier benutzt wurde.
Letztendlich saß ich mehrere Minuten lang auf der Toilette und dachte nach. Leider musste ich meine Überlegungen irgendwann unterbrechen. Die Frühstückspause dauerte nur zehn Minuten und ich hatte noch nichts gegessen. Ich hatte Brezeln dabei. Kurz überlegte ich, ob man die Wurst zu einer Brezel formen könnte, stellte aber schnell fest, dass sie dafür zu klein war und mir für diese Aktion das Geschick eines Bäckers fehlte.
Ich erhob mich und ging, ohne eine Spur zu hinterlassen.
|
|
|
Samstag, 11. Februar 2012
Ich fühle mich dazu berufen, einen ernstgemeinten Ratgeber zu veröffentlichen, der die Welt ein wenig lebenswerter machen wird. Es geht um Kassenopas und Kassenomas, also einen ganz speziellen Teil der menschlichen Bevölkerung, mit dem schon ein jeder von uns in Kontakt stand und auf den man ausschließlich in Supermärkten trifft.
Hat man im Supermarkt seine einzukaufenden Waren zusammen und bewegt sich auf eine Kasse zu, ist es enorm wichtig, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, was für Menschen gerade darauf warten, abkassiert zu werden. Wo befinden sie sich, die Kassenopas und -omas? Aber wie identifiziert man sie überhaupt? Ganz einfach: Beide sind, wie der Name vermuten lässt, älteren Kalibers. Kassenopas wirken gestresst. Sie schauen sich die ganze Zeit über um, schütteln den Kopf und versuchen, zwischen den Supermarktregalen Mitarbeiter zu entdecken. Kassenomas dagegen lehnen resignierend auf ihren Einkaufswagen, schütteln ebenfalls den Kopf und starren teilnahmslos auf den Supermarktboden.
Bei beiden Wesen ist es enorm wichtig, sie niemals direkt hinter sich stehen zu haben. Die Gründe dafür unterscheiden sich jedoch voneinander, weshalb ich separat auf sie zu sprechen kommen werde. Selbstverständlich dürfen folgende Regeln nur angewandt werden, wenn der Supermarkt gut gefüllt und der Weg zur Kasse ein langer ist. Bei Kassenopas gilt zudem: Eine Kasse darf nicht besetzt sein.
Kassenopas platziert man idealerweise direkt vor sich. Natürlich ist das nicht immer möglich, trotzdem ist zu beachten, sie niemals hinter sich stehen zu haben. Befindet sich ein nervöser Kassenopa hinter einem, sollte man ihn vorlassen. Egal, wie voll sein Einkaufswagen auch sein mag. Man kann davon nur profitieren.
Steht man noch nicht in der Schlange, sondern bewegt sich erst auf eine zu und sieht in diesem Moment hinter sich einen Kassenopa, sollte man unbedingt so tun, als würde man gerade noch etwas interessantes in irgendeinem Regal liegen sehen, stehen bleiben, den Opa passieren lassen und ihm dann so unauffällig und dicht auf den Fersen wie möglich folgen. Immer daran denken: Ein Kassenopa muss nah vor einem stehen.
Hat man sein Ziel erreicht, heißt es abwarten und mitspielen. Der Kassenopa wird sich umsehen. Immer und immer wieder. Dann wird er sich zu einem umdrehen, böse gucken und den Kopf schütteln. Dieses Balzritual sollte imitiert werden, um Vertrauen aufzubauen und den Kassenopa seelisch zu stärken. Sobald dieser so weit in der Schlange vorgerückt ist, dass er vor dem Ablageband der geöffneten und neben dem Ablageband der geschlossenen Kasse steht, geht es los. Er plustert sich auf, streckt die Brust einatmend nach vorne, lässt dabei seine Wirbelsäule knacken und gibt ein lautes „Kasse!“ von sich. Gerne imitiert er dabei mit seinen Händen ein Megaphon, um seine Seriosität zu unterstreichen. Die umstehenden Einkäufer werden von seinem Ruf sofort in den Bann gezogen und verstummen abrupt. Der Kassenmitarbeiter schaut in Richtung Kassenopa. Beide sehen sich an. Nur wenige Sekunden lang. Dann geschieht es: Der Mitarbeiter drückt auf einen Klingelknopf oder benutzt das Marktmikrofon, je nach Ausstattung, um einen Mitarbeiter an die geschlossene Kasse zu rufen.
Der Kassenopa zeigt zunächst keinerlei Regung. Er schaut noch einmal kurz in Richtung des Mitarbeiters und geht dann ohne ein Wort zu sagen an die noch geschlossene Kasse. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, dass er der Erste ist, der die neue Kasse benutzen darf. Schließlich ist ihre Öffnung ganz alleine sein Verdienst. Man selbst gönnt ihm diesen Erfolg, rückt ihm dabei aber gleichzeitig nicht von der Pelle. So schafft man es am Ende, als Zweiter an der Kasse zu stehen.
Es sollte klar sein, warum man einen Kassenopa niemals hinter sich stehen haben sollte. Bei beschriebenem Ritual könnte man versehentlich noch vor ihm zur neu geöffneten Kasse gehen und durch diese Tat eine volle Ladung Kassenopawut auf sich ziehen. Diesen Blick sollte sich niemand freiwillig antun, der in den nächsten Jahren noch beruhigt einschlafen möchte. Lässt man ihn dagegen passieren, steht man plötzlich den ihm folgenden Einkäufern gegenüber, die einem keine Chance lassen, sich irgendwo dazwischen zu quetschen.
Kommen wir nun zu den Kassenomas. Auch sie müssen vor einem stehen. Dies bringt jedoch keinerlei Zeitersparnis mit sich, sondern lediglich ein gesünderes Leben. Kassenomas sind nämlich Freunde der konstanten Vorwärtsbewegung. Um diese ungestört ausleben zu können, bewaffnen sie sich vor dem Einkauf stets mit einem Einkaufswagen, unabhängig von der Größe ihres geplanten Einkaufs.
An der Kasse wird dann geschoben was das Zeug hält. Steht der Vordermann nicht auf den Fersen seines Vordermanns, wird mit Hilfe des Einkaufswagens nachgeholfen. Ganz unauffällig fahren sie einem dafür in die Hacken. Immer und immer wieder. Dabei schenken sie dieser Tat keinerlei Beachtung und gucken zum Beispiel auf den Boden, wühlen in den Einkäufen herum oder begutachten die eigene Geldbörse. So blocken sie jedwede Form der Kritik aus Richtung des Befahrenen ab. Schließlich bekommen sie diese ganz gezielt einfach nicht mit. Diskussionen über die physikalische Unmöglichkeit der geforderten Bewegungsabläufe werden so im Keim erstickt.
Um sich vor Kassenomas zu schützen, kann man nichts anderes tun, als sie vor sich zu platzieren. Nähern sie sich mit einem zusammen der Kasse, wie bereits im obigen Kassenopafall beschrieben, kann man auf die gleiche Art und Weise verfahren. Ansonsten wird gelächelt und höflich vorgelassen. Kassenomas (und -opas) verstehen nicht, dass sich hinter der höflichen Fassade ein Zimmer voller Kriegsstrategien befindet.
Ich hoffe, dass ich mit diesem Ratgeber den Einkauf meiner Leser angenehmer gestalten kann. Es handelt sich hier nicht gerade um komplizierte Regeln. Aber man muss sie kennen, um ein friedliches Leben mit den Kassenopas und -omas führen zu können.
|
|
|
Dienstag, 7. Februar 2012
Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass ich über meine Sucht geschrieben habe. Zwei Jahre. Das ist eine lange Zeit und viel ist passiert. Zum Beispiel bin ich fast vollständig auf koffeinfreien Kaffee umgestiegen und trinke das Zeug tatsächlich nur noch wegen seines Geschmacks. Dafür habe ich nun ein anderes und viel größeres Problem. Aber dazu sollte ich vielleicht ein wenig ausholen.
Toll. Jetzt habe ich meine Frau geschlagen. Konnte ich ja nicht ahnen, dass sie gerade hinter mir steht. Oh, doch, hätte ich. Schließlich wollte ich ihr etwas zeigen. Das hatte ich ganz vergessen. Wie so oft. Hey, das könnte ich doch als Überleitung verwenden. Gute Idee. Geliebte Frau: Es tut mir leid, doch dein Schmerz muss warten!
Ich vergesse häufig Sachen. Aber warum erwähne ich das? Das geht vielen Menschen so. Ich will mich deswegen auch gar nicht aufspielen. Ein „Boah, der ist ja total der nachdenkliche Typ! Total mein Idol ab jetzt! So ein großartiger Mensch!“ will ich nicht hören. Wirklich nicht. Ein gewisser Grad an Vergesslichkeit ist vollkommen normal. Jeder hat das mal. Kein Grund für Übertreibungen.
Ich habe sogar den Vorteil, dass ich weiß, worin meine Vergesslichkeit begründet liegt. Ich denke viel nach. Das klingt schon wieder etwas eingebildet. Das will ich nicht auf mir sitzen lassen. Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. So. Die Einbildung liegt im Graben und wird von Raben zerstückelt. Kein schöner Anblick. Dafür kann ich nun in Ruhe weitererzählen ohne wie ein Angeber rüberzukommen.
Ich denke also viel nach. Man sagt dazu auch „in Gedanken versunken sein“. Ich denke eher selten an intelligentes Zeug. Meistens geht es um Textideen, Formulierungen, Pinguincomics oder Wurst. Nicht um Weltfrieden, Politik oder ähnliche Dinge. Während ich meinen Gedanken nachgehe, blende ich vieles um mich herum aus. Zum Beispiel Türen. Vor einiger Zeit kam ich von irgendwoher zurück nach Hause, stand vor meiner Wohnungstür, dachte an Currywurstgewürze, zog meinen Schlüssel, steckte ihn ins Türschloss und merkte, dass ich gar nicht vor meiner Wohnung stand, sondern vor der meiner unter mir wohnenden Nachbarn.
Zu Hause ist das Ganze noch schlimmer. Hier weiß ich schließlich, wie ich mich bewegen muss, um nicht irgendwo gegen zu laufen. Also versinke ich noch tiefer im Gedankensumpf. Und nun möchte ich wieder zu meinem Kaffeekonsum kommen. Vor einiger Zeit bekam ich eine Kaffeepadmaschine geschenkt. Da ich nicht mehr so viel Kaffee trinke war das ziemlich gut. Morgens eine Tasse zubereiten und ab dann nach Bedarf. Zwei bis drei Tassen Kaffee am Tag. Dafür muss man keine Kanne belästigen. Ich freute mich.
Bis ich zum ersten Mal meine Küche unter Kaffee setzte. Ich sage bewusst zum ersten Mal. Mittlerweile ist es mir nämlich schon sechsmal passiert. In einem recht kurzen Zeitraum. Dazu kommen noch ein paar weitere fehlerhafte Aktionen meinerseits. Aber der Reihe nach.
Meine alte Kaffeemaschine hat mich nur selten im Stich gelassen. Natürlich tue ich ihr mit dieser Formulierung Unrecht. Wie sollte sie mich im Stich lassen? Sie führt nur Befehle aus. Die Schuld trage ich ganz alleine. Aber das möchte ich mir nicht eingestehen und darum trägt sie ein wenig Mitschuld. Ach, nein. Das ist lächerlich.
Rückblickend hätte ich das mit dem Umstieg auf eine Padmaschine niemals durchziehen dürfen. Die Probleme hatten sich doch angekündigt. Wie oft hatte ich vergessen, die Kanne unter meine Kaffeemaschine zu stellen? Viel zu oft. Ich weiß ja auch nicht, warum das immer wieder passierte. Da sitzt man am Schreibtisch, steht auf, füllt die Maschine mit Kaffeepulver, schaltet sie ein und setzt sich wieder an den Schreibtisch. Nach zwei Minuten schaut man zur Seite und siehe da: Da steht eine Kaffeekanne. Die Kaffeekanne, die eigentlich gerade unter der Maschine stehen sollte. So ein Mist. Zum Glück hatte meine Maschine einen Schutz für solche Fälle. Einen Auslaufschutz oder wie man das nennt. Ohne Kanne floss nichts an die Öffentlichkeit. So konnte ich die Kanne nachträglich drunter stellen und das recht starke Gebräu doch noch verwerten. Zum Abflussfreiätzen zum Beispiel.
Wirkliche Küchenunfälle produzierte ich dadurch nur selten. Ein paarmal passierte es, dass ich Wasser in die Maschine füllte, danach Kaffee in den Filter und letztendlich vergaß, die Filterkiste zu schließen. So prasselte das Wasser ungefiltert in die Kanne. Einmal hatte ich sogar diese vergessen unter die Maschine zu stellen. Keine gute Kombination. Aber es war nur Wasser. Heißes Wasser, wie ich nach dem Betreten der Küche und der sich darin vergnügenden Pfütze feststellen durfte. Trotzdem ist Wasser nicht so schlimm.
Meine Padmaschine hat wiederum keinen Auslaufschutz. Sie interessiert es nicht, ob gerade eine Tasse unter ihr steht oder nicht. Mich auch nicht. Die schnelle Art der Kaffeezubereitung hat dafür gesorgt, dass ich sie quasi gar nicht mehr beachte. Ich drücke einfach auf den Kaffeeknopf, gehe davon aus, zuvor eine Tasse bereitgestellt zu haben und verlasse die Küche. Und das hat mittlerweile zu den bereits angesprochenen Unfällen geführt.
Die Maschine hat dort, wo man die Tasse abstellt, ein Gitter. Dort kann Kaffee reinlaufen, wenn man keine Tasse benutzt hat. Praktisch, oder? Ja. Wenn man nur kleine Tassen benutzt. Das tue ich aber nicht. Wenn schon, denn schon. Ich brauche meine große Tasse. Da habe ich mehr von und ich muss nicht so oft aufstehen, um mir Nachschub zu holen. Ja, faul bin ich auch noch. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um Kaffe. Und davon kommt mehr aus meiner Maschine, als der Sammelbehälter fassen kann. Und dann beginnt der Spaß. Der Kaffee sucht sich eine passende Stelle, an der er überlaufen kann. Er fließt die Maschine herunter und sammelt sich erst einmal unter ihr. Dann fließt er in die Rille auf dem Küchentisch, an dem ich die Plattenverlängerung ausgezogen habe. Sagt man das so? Ich weiß es nicht. Muss ich auch nicht. Ihr wisst schon, was ich meine. Der Tisch ist zu klein, darum hat man unter der Platte zwei halbe Platte angebracht, die man ausziehen kann. Also nicht im Sinne von nackt machen, sondern im verlängernden Sinne. Und wenn man das macht, befindet sich zwischen großer und kleiner Platte eine Rille. Warum ich das so genau erkläre, weiß ich nicht. Das habe ich vergessen. Ich bin gerade ziemlich in Gedanken versunken. Mittels Rille fließt der Kaffe nun also über die gesamte Tischbreite, bis er an den Tischkanten ankommt und dort auf den Boden fließt. Das ergibt zwei Kaffeeflecken, die sich wiederum unter den Tischbeinen am wohlsten fühlen.
Puh.
Ich betrete in freudiger Erwartung eines Kaffees die Küche und sage, nachdem ich das Desaster gesehen habe, erst einmal gar nichts. Dann schließe ich die Küchentür und mich ein. Ich will nämlich nicht, dass meine Frau mitbekommt, dass ich wieder einmal die Küche geflutet habe. Natürlich hört sie das Abschließen und schreit nur laut: „Idiot, nicht schon wieder.“ Ich will unbedingt das Küchentürschloss austauschen. Oder einen Schalldämpfer einbauen. Muss ich mir mal schnell irgendwo notieren. Ach Quatsch. Das kann ich mir schon merken.
Jedenfalls wische ich dann die Küche. Ich stelle die Maschine auf die Spüle und wasche das Auffangbecken aus. Dadurch verbreitet sich der unter der Maschine herumtollende Kaffe noch ein bisschen mehr auf dem Tisch. Nun muss ich den Tisch vollständig frei räumen. Aber das ist auch gut so. Schließlich muss ich das Ding nach dem Reinigen der Platte sowieso ganz wegstellen. Ihr erinnert euch vielleicht: Die Tischbeine. Diese Prozedur zieht man etwa zweimal durch und lacht darüber. Nach dem fünften Mal lacht man nicht mehr. Mittlerweile hege ich Mordgedanken.
Aber das ist ja noch nicht alles. Heute geschah folgendes. Ich öffnete das Fach für die Pads, warf das alte weg und legte eine neues ein. Danach startete ich die Maschine. Sie zeigte an, dass zu wenig Wasser im Tank sei. Also füllte ich den Tank. Danach öffnete ich das Fach für die Pads, warf das alte weg und legte eine neues ein. Ich stellte eine Tasse unter die Maschine (immerhin) und aktivierte die Kaffeeproduktion. Danach setzte ich mich an den Rechner. Wenige Sekunden später hörte ich lautes Weinen aus der Küche. Ich schaute nach. Es kam aus dem Mülleimer. Ich sah hinein und in ihm lag ein unbenutztes Kaffeepad, das sich zwischen den Müsliresten des Vortags sichtlich unwohl fühlte.
In diesem Moment beschloss ich, diesen Text zu schreiben. Ich bin kurz davor, die Padmaschine nicht mehr zu benutzen. Ich bin mit der Bedienung dieses Gerätes vollkommen überfordert. Ich weiß, dass es eigentlich vollkommen simpel ist, sich mit dem Ding einen Kaffee zu zapfen. Aber irgendetwas daran funktioniert nicht in Kombination mit meiner Lebensweise.
Bevor ich meinem Küchentisch weitere Kaffeeduschen antue, steige ich wieder auf Pulver um. Ich habe sowieso gehört, dass Pulverkaffee viel besser schmeckt. Ich tue jetzt mal so, als würde ich das auch so sehen um mich als Profifeinschmecker hinzustellen. Schließlich habe ich mich zu Beginn dieses Textes viel zu sehr als Ottonormalverbraucher dargestellt. Jetzt brauche ich mal wieder eine gehörige Ladung Ego. Hoffentlich vergesse ich nicht, mein Gehirn unter die Egomaschine zu stellen. Sollte ich nicht langsam einen Krankenwagen rufen? Meine Frau liegt immer noch regungslos auf dem Boden. Was ist eigentlich passiert?
|
|
|
Freitag, 29. Juli 2011
Eines Tages wollte ein Jemand eine Reise tun. Dann merkte er jedoch, dass er nicht gerne Sachen tut, sondern viel lieber unternimmt. Das klingt nämlich viel feiner und gehobener. So verließ er das Haus und stellte fest, dass es regnete. Er wurde nass und verlor seine Reiselust. Also ging er zurück in seine Wohnung und beschloss, stattdessen mit dem Schreiben anzufangen. Er war schließlich ein spontanes Kerlchen und das konnte sich nur positiv auf seine Texte auswirken.
Und das tat es auch. Was ihm an Fachbegriffen fehlte, machte er mit Randnotizen, Abschweifungen und Einschüben wieder wett, die den Leser überraschten, in die Irre leiteten und dennoch an seine Texte fesselten. Er heimste einiges an Lob ein und freute sich darüber.
Leider ist Freude immer so eine Sache. Sie kann nämlich schnell in Einbildung umschwenken. Und das geschah auch bei unserem Jemand. Das bedeutete nicht, dass er von nun an mit einem so erhobenem Haupt durch die Straßen lief, dass er bei aufkommenden Regenschauern vor dem Ertrinken gerettet werden musste. Er nahm nur das Schreiben zu ernst.
Hauptgrund dafür war das Abenteuer, auf das er sich eingelassen hatte. Er wollte ein Buch schreiben. Einen langen Text. Den längsten seines Lebens. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, legte beide Arme mittig darauf und begann zu schwimmen. Wie ein Brustschwimmer ließ er seine Arme durch den Müll auf seinem Tisch gleiten und schaffte es so innerhalb von Sekunden, für eine saubere Arbeitsumgebung zu sorgen. Zufrieden stand er auf, um sich sein Werk zu betrachten, musste daraufhin jedoch feststellen, dass er seinen Schreibtischstuhl in dem Chaos verloren hatte. Also fuhr er in die Stadt und kaufte sich einen Neuen.
Dann ging es los. Der Jemand begann zu planen. Er plante den Anfang und das Ende des Buches. Dann den Mittelteil. Dann den genauen Weg, der die drei Streckenpunkte miteinander verband. Er programmierte seinen Kugelschreiber wie ein Navigationssystem und ließ sich nun von diesem durch seine frisch erschaffene Welt leiten. Er kam nie vom Weg ab und landete am Ende eine Punktlandung. Das Buch war ein voller Erfolg.
Zwischen Planung und Veröffentlichung verstrichen etwa drei Jahre. In dieser Zeit wandte er seine Buchherangehensweise auch auf seine Kurztexte an. Er sammelte tagelang Ideen und setzte sie erst dann um, wenn er seinen Text bis zum Ende durchgeplant hatte. Am Ende musste er seine Text nur noch aus seinen Notizen abschreiben.
So zogen Monate ins Land und alles war gut. Unser Jemand hatte ein Buch veröffentlicht, bekam viele positive Rückmeldungen und schrieb fleißig weiter seine Kurztexte. Eines Tages geschah es dann: Er saß an einem Spielplatz und beobachtete zwei kleine Kinder, die sich gegenseitig mit dem Kot aus ihren Windeln bewarfen. Das taten sie so lange, bis ihre Eltern erschienen und sie anschrien. Daraufhin bewarfen sie ihre Eltern mit Kot. Das brachte den Jemand auf eine Idee. Er wollte ein zweites Buch schreiben.
Gesagt, getan. Erneut schwamm er über seinen Schreibtisch, fand dabei seinen ersten Schreibtischstuhl wieder und verkaufte daraufhin seinen zweiten über das Internet an eine Hummerfabrik. Dann ging es los: Er zog Stift und Papier hervor und begann zu planen. Er hatte nach wenigen Stunden die ersten Kapitel fertig und wollte diese nun erst einmal umsetzen. Er nahm sich seine Notizen für das erste Kapitel und schrieb sie ab.
Einen Monat später war er verzweifelt. Er hatte seinen Text nun schon zum vierten Mal neu begonnen. Irgendetwas war geschehen. Das Schlimmste, was ihm hätte passieren können: Das Schreiben machte ihm keinen Spaß mehr. Er fand es langweilig. Er überflog die zuletzt geschriebenen Zeilen und begann zu gähnen. Was war los? Er wusste es nicht. Von der Buchidee war er begeistert. Er liebte die Charaktere und die Geschichte (auch wenn sie bisher nichts mit Kinderkot zu tun hatten). Aber die Umsetzung machte ihm keinen Spaß mehr. Der Jemand konnte einfach nicht erkennen, wo das Problem lag. Er war verzweifelt, erhob sich vom Schreibtisch und verließ das Arbeitszimmer, um sich im Wohnzimmer mit Hilfe einer Horde Spielekonsolen abzulenken. Das Einzige was er im Arbeitszimmer zurückließ waren seine Notizen und ein Frustfurz.
So ging es tagelang weiter. Die Zeit zog durch das Land und Unzufriedenheit breitete sich immer weiter aus. Der Jemand wusste nicht mehr weiter. Er vermutete, dass sich irgendwo in seiner Wohnung eine Schreibblockade häuslich niedergelassen hatte, doch er konnte sie einfach nicht finden. Er war kurz davor, aufzugeben. Er hatte keine Motivation mehr.
Dann geschah es. Eines Nachts erreichte ihn die Nachricht seines besten Freundes. Dieser teilte ihm mit, dass er gerade am heulen war. Vor Lachen. Der Jemand fragte warum und die Antwort überraschte ihn: „Wegen einem deiner Texte.“ Natürlich freute dies den Jemand und er wollte mehr erfahren. „Welchen Text liest du denn gerade?“, fragte er. „Oh, einen ganz alten. Erinnerst du dich noch an unseren Zeltausflug vor neun Jahren? Da hattest du einen drüber Text geschrieben. Und verdammt ist der gut.“
Der Jemand erinnerte sich an den Text. Er wusste noch, dass er sehr lange daran gesessen hatte. In diesem Moment schickte ihm sein Freund ein paar Zitate daraus. Und der Jemand musste ebenfalls lachen. Daraufhin öffnete er den Text auf seinem Computer und las ihn sich ebenfalls durch. Zunächst fand er alleine in den ersten beiden Absätzen mehr Rechtschreib- und Grammatikfehler als Wurstrückstände in seinem Magen. Doch dann realisierte er, dass dieser Umstand vollkommen egal war. Der Text war wirklich verdammt lustig. Er konnte sich selbst nicht mehr an all die Details erinnern und war überrascht, was er alles in diesen einen Zeltbericht gepackt hatte.
Der Jemand begann zu grinsen. Doch dann verließ ihn die Freude auch schon wieder. Er erinnerte sich plötzlich daran, wie viel Spaß ihm das Schreiben dieses Textes gemacht hatte. Und dann fiel ihm ein, dass er früher auch bei seinen anderen Texten eine gewisse Freude verspürt hatte. Diese Freude war es, die ihn einst zum Schreiben gebracht hatte und genau diese Freude war es auch, die er nun schon seit so langer Zeit nicht mehr gespürt hatte. Der Jemand wurde traurig und ging ins Wohnzimmer. Dort lief er minutenlang auf und ab und dachte nach. Irgendetwas stimmte nicht und er wollte wissen, was das war.
Plötzlich erkannte er, wo das Problem lag. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, obwohl er noch nie Schuppen auf den Augen gehabt hatte. Trotzdem fielen sie und ihm das Problem ein: Das Schlafzimmerfenster war noch geöffnet und draußen regnete es in Strömen. Schnell rannte der Jemand in besagtes Zimmer und schloss das Fenster. Die Gardine war zwar ein wenig nass geworden, Schlimmeres hatte er durch seine schnelle Reaktion aber zum Glück verhindern können.
Zurück im Wohnzimmer platzte dem Jemand dann der Kopf. Erschrocken rannte er (der Jemand, nicht der geplatzte Kopf) ins Badezimmer und blickte in den Spiegel. Erleichtert atmete er auf. Unter dem geplatzten Kopf hatte sich ein zweiter Kopf versteckt, der genauso aussah wie der erste. Niemand würde den Unterschied feststellen können. Nur der Jemand merkte sofort, dass sich zwei Dinge verändert hatten.
Zunächst einmal war die Wohnzimmertapete aufgrund der Blutflecke vollkommen hinüber. Das war aber nichts, was man nicht beheben konnte. Schon morgen wollte der Jemand einen Landstreicher auf der Straße auflesen und ihm die Umschulung zum Wandstreicher finanzieren. „Jeden Tag eine gute Tat!“, sagt man schließlich. Und wenn einem die gute Tat dann letztendlich auch noch das Wohnzimmer verschönert, dann geht man auf jeden Fall als Gewinner nach Hause. Wenn man nicht schon bereits dort ist, weil man gerade eine Wand gestrichen bekommt.
Der zweite und viel wichtigere Punkt, der dem Jemand nun klar wurde, war der Grund für sein Schreibproblem. Er erinnerte sich daran, wie er diese alten Texte geschrieben hatte. Man konnte seine damalige Vorgehensweise mit nur einem Wort zusammenfassen: Spontan. Er hatte sich früher nie viele Gedanken über seine Texte gemacht. Er brauchte nur ein Thema und der Rest ergab sich von selbst. Er entschied sich während des Schreibens, wo die Reise hingehen sollte. Alles Weitere überlegte er sich nach der Einleitung spontan. Hatte er den Text fertiggestellt, musste er hier und da nur noch ein paar Kleinigkeiten korrigieren und am Ende hatte er einen Text erschaffen, mit dem er vollkommen zufrieden war.
Und genau diese Spontaneität hatte der Jemand verlernt. Er nahm das Schreiben mittlerweile zu ernst. Es plante zu viel und nahm sich somit die Freiheiten, die ihn damals immer so motiviert hatten. Heutzutage wurden erst einmal Ideen gesammelt, dann die Geschichte geplant, die Absätze konstruiert und erst nach all diesen Phasen begann er das eigentliche Schreiben, das auf diese Art und Weise zu einem bloßen Abtippen von Schmierzetteln verkam. Er wusste wo er war und wo er hin wollte. Er musste nur noch ein paar Wörter auf den matschigen Boden zwischen den Textabschnittspfützen werfen. Und das machte ihm einfach keinen Spaß mehr.
Es war nun nicht so, dass der Jemand unzufrieden mit seinen aktuellen Texten war. Natürlich mochte er sie noch, sonst hätte er sie nie vollendet. Aber der Schreibvorgang verkam zur Arbeit. Der Schaffensprozess spielte sich vorher ab. Er hatte weiterhin tolle Ideen, doch diese zu formulieren machte ihm früher eigentlich am meisten Spaß. Und genau diesen Vorgang hatte er sich selbst weggenommen.
Der Jemand begann zu grinsen. Er hatte sein Problem gefunden und ein neues Feuer wurde entfacht. Irgendetwas kribbelte in ihm. Es begann an seinem Hals und bewegte sich von da an abwärts in Richtung Magengegend. Aus Reflex begann er sich an der Stelle zu kratzen, an der er das Kribbeln spürte und als ihn ein stechender Schmerz überfiel, stellte er fest, dass ihm eine Wespe unter sein T-Shirt gekrabbelt war. Das Kratzen hatte ihren Stechreflex ausgelöst und nun hing sie sterbend in seinem Bauchnabel.
Fluchend zog sich unser Jemand sein T-Shirt aus und sich das Getier aus der Haut. Wütend warf es auf den Balkon, stellte fest, dass die Balkontür geschlossen war und er die Wespe somit nur gegen die Scheibe geworfen hatte, öffnete die Tür, hob die Wespe auf und warf sie erneut auf den Balkon. Der Wind wehte sie, noch bevor sie den Boden erreichen konnte, zurück in die Wohnung und so beschloss der Jemand, dass er gerade wichtigeres zu tun hatte, als eine Wespe auf den Balkon zu werfen. Also ging er zurück in sein Arbeitszimmer.
Dort setzte er sich an seinen Computer und schrieb nachts um drei Uhr einen Text, der lustiger war als alles, was er in den Monaten zuvor verfasst hatte. Er schrieb den Text am Stück, ohne Pause und ohne Planung. Und er hatte riesigen Spaß dabei. Als er mit dem Schreiben fertig war, schaltete er seinen Computer aus und tanzte voller Freude durch die Wohnung. Bis er auf die Wespe trat, deren Stachel noch immer intakt war und nun in seinem Fuß stecken blieb. Aber das kümmerte den Jemand gar nicht. Schließlich hatte er gerade seine Schreibblockade besiegt und seine Schreiblust wiedergefunden. Nach vier Sekunden bemerkte der Jemand aber, dass der Stich doch ziemlich weh tat. Er legte sich ins Bett und weinte sich in den Schlaf. Mit dem einen Auge weinte er vor Schmerzen, mit dem anderen vor Freude.
|
|
|
|